Adusei-Poku: Nicht alle Polizisten sind schlecht!

Gedächtnisprotokoll
Ort: Berlin-Hellersdorf Anlaß: Protest gegen den Naziaufmarsch dort Datum: 01. Mai 2000 Uhrzeit: Zwischen ca. 14.00 und 16.00 Uhr Zeugen: Polizei selbst. Herr Erlort (Anwohner), Rolf Z. sowie drei seiner Freunde Vorgang: Ich befand mich seit ca. 11.00 Uhr in Hellersdorf, um gegen den vom Bundesverfassungsgericht genehmigten Neonazi-Auf= marsch mit vielen anderen Menschen zu protestieren. Ich kam ohne Polizeikontrolle überall durch und auf mein mitgebrachtes Ausstellungsplakat "Hass-Schmierereien foto= grafiert und vernichtet", welches ich mit einem Text wie "Wir sind für das verantwortlich, was wir widerspruchslos hinnehmen" im unteren Teil überklebt habe, reagierten die Polizeibeamten teilweise sogar anerkennend. Für sie war das Plakat in dieser Form nicht zu beanstanden. Da starker Polizeischutz für den Neonazi-Aufmarsch unseren Protest sehr eng in Grenzen verwies und sogar sehr bald da= mit begonnen wurde, mit starken Polizeikräften die Gegende= monstranten einzukesseln, zog ich es vor, mich von diesem Platz zu entfernen. In der Umgebung war unübersehbar: massen= haft Naziplakate, Hakenkreuzschmierereien und Aufkleber. So begann ich all dies zu beseitigen, mit Aceton oder meinem Spachtel. Was den Polizisten, die mich dabei beobachteten, mißfiel. Im forschen Ton wurde ich von einem jüngeren Poli= zisten im scharfen Ton aufgefordert, die herunter gefallenen Papierfetzen wegzuräumen. Ich antwortete darauf: "Das kommt da hin, wo auch immer der geistige Müll hingehört". Es gab jedoch keinerlei Konfrontation wegen meinem scharfen Spachtel. Kurze Zeit später war ich bei einer kleinen Gruppe Jugend= licher (Gegendemonstranten) angelangt. Es war ruhig vor Ort, jedoch eine eher gespannte Ruhe. Dort an der Straßenbahnhaltestelle standen wir und hielten bis kurz nach 14.00 Uhr abwechselnd mein Plakat und beobach- teten, wie Beamte des LKA gerade einen jungen Neonazi erken= nungsdienstlich behandelten (fotografierten), den sie zuvor festgenommen hatten. Ais ich wieder an der Reihe war, mein wie zuvor beschrieben= es Plakat zu halten, da fuhr mich der mit der Festnahme be= schäftigte Beamte im scharfen Ton an, ich solle das Plakat einrollen, oder wollte ich Ärger (eine Anzeige). Ich lehnte es ab mit den Worten, daß dies ein Ausstellungs- plakat sei und in Rathäusern, Kirchen, ja sogar in einem Po= lizeipräsidium ausgehängt worden sei. Auf seine wiederholte Frage sagte ich wieder nein und so ent= riß er es mir und begann sofort mit der Aufnahme einer Anzei= ge gegen mich wegen ????????? Während er mit dem Schreiben beschäftigt war - und meinen Ausweis hatte er ja schon - da entdeckte ich in unmittelbarer Nähe einen weiteren Aufkleber der NPD. Ich sagte nur: "Ach da ist ja noch ein Aufkleber, den kann ich ja inzwischen abmachen" und ging mit meinem Spachtel hin und fing gleich an ihn zu entfernen. Weit kam ich nicht, denn der in Rage ge= ratene Beamte griff mich an, indem er mich packte und gleich= zeitig mir den Spachtel entreißen wollte. Kurze Zeit später lagen wir übereinander im Mai-grünen Gras vor verdutzten Augenzeugen. Da er jedoch nicht unter mir, sondern auf mir lag mit seinem ganzen Gewicht, fragte ich ihm nach einem kurzen Schweigen ob er denn nicht bemerkt habe, daß er auf meinem Schambein liege. Offensichtlich war ihm das doch zu viel. Er sprang ganz ver= stört auf. Seine Kollegin war nun damit beschäftigt, die Anzeige gegen mich zu Ende zu führen. Diese Vorgehensweise und seine in meine Richtung gebrüllte Bemerkung: "Wegen solchen Typen wie Sie muß ich am l. Mai Dienst schieben" waren wohl der Anlaß, den Unmut und die Em- pörung der Umstehenden auf sich zu ziehen. So trat ein untergebener und uniformierter Polizist an ihn heran und rief ihm unüberhörbar zu: "Kollege, von Ihnen möchte ich nachher die Dienstnummer haben, denn Sie sind ent= schieden zu weit gegangen!" Leider wurden den Jugendlichen, die das Geschehen fotogra= fiert hatten, im Zuge weiterer späterer Polizeimaßnahmen die Kamera zerstört. Ich wurde bei der Rangelei mit dem LKA-Beamten am Finger leicht verletzt. Ein Gewerkschafter, der ebenfalls Zeuge war, leistete Erste Hilfe. Gegen mich wurden nun Ermittlungen wegen 86 a ( Verwenden verbotener Kennzeichen ) eingeleitet. Der Spachtel wurde dafür auch einbehalten. Der Staatsanwalt hielt dies für erforderlich. I. Adusei-Poku

Das Protokoll stammt von Irmela Mensah-Schramm. Sie hieß im Jahr 2000 Adusei-Poku und war fünfundfünzig Jahre alt.

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