Dr. U. Brosa                              35287 Amöneburg, 26. November 2000
                                          Am Brücker Tor 4
                                          Telefon 06422 7616

An den
Landrat
Im Lichtenholz 60
35043 Marburg


Betrifft: Hakenkreuz bei Bürgeln

Sehr geehrter Herr Landrat,

bitte übersehen Sie das Hakenkreuz auf dem beigefügten Foto nicht. Viele tau-
send Menschen haben dieses Hakenkreuz gesehen. Seit anderthalb Jahren macht
der Landkreis Werbung für Dummheit, Gewalt und Unrecht.

Das Hakenkreuz befindet sich an der Bahnstrecke zwischen Cölbe und Bürgeln.
Täglich fahren daran mehr als hundert Züge vorbei. Parallel verläuft der
Fahrradweg R2, der Marburg mit dem östlichen Teil des Landkreises verbindet.
Der R2 wird an warmen Tagen von hunderten Radlern, Skatern und Fußgängern ge-
nutzt und natürlich auch von vielen Motorrad- und Autofahrern, die dort wi-
derrechtlich verkehren. Am 3.9.2000 gehörte die fotografierte Stelle zur
Wegstrecke von "Ohne Auto mobil". An dieser Veranstaltung nahmen etwa zehn-
tausend Menschen teil. Zudem wurde die Strecke am 3.9.2000 intensiv von der
Polizei kontrolliert.

Die gängigen Beschönigungen kann ich jetzt schon vorwegnehmen. In Anbetracht
der vielen Schmierereien, so wird es heißen, komme es auf ein Hakenkreuz mehr
oder weniger nicht an. Dieser Standpunkt ist mit dem Strafgesetzbuch nicht
vereinbar. Eine Schmiererei ist eine Sachbeschädigung, sozusagen das Privat-
problem des Geschädigten, für das kein Beamter mehr aus seiner Polizeistation
zu locken ist. Das Hakenkreuz ist dagegen ein Kennzeichen einer verfassungs-
feindlichen Organisation. Seine Verwendung ist ein Vergehen, das von Staats
wegen verfolgt werden muss.

Eine andere Beschönigung besagt, das Verwenden von Nazi-Symbolen sei eine
Mutprobe. Solange deswegen noch keine Gewalt angewendet wurde, sei derglei-
chen harmlos. Diese Ansicht widerspricht nicht nur dem Strafgesetzbuch, son-
dern auch der Wirklichkeit. Hakenkreuze erscheinen, wenn Gewalttätigkeiten
längst schon gang und gäbe sind. So ist es auch beim Hakenkreuz von Bürgeln.

Nazi-Aktivitäten sind in diesem Landkreis gewöhnlich. 1998, als in Amöne-
burg noch asylsuchende Ausländer untergebracht waren, veranstalteten einige
junge Männer auf der Wenigenburg das übliche Nazi-Geschrei: "Ausländer raus!"
und "Sieg Heil!" Zugleich nahm in Amöneburg die gewöhnliche Kriminalität
sprunghaft zu. Es geschah also genau das, worauf die jüdischen Gemeinden im-
mer wieder hinweisen: Durch Nazi-Ausschreitungen werden nicht nur Minderhei-
ten geschädigt. Ich habe seinerzeit eng mit der Polizei zusammengearbeitet,
musste aber feststellen, dass die Ermittlungen von Polizei und Staatsanwalt-
schaft verschleppt und abgewürgt wurden. Ein dreiviertel Jahr später habe ich
erfahren, dass der Hauptverdächtige Sohn eines Polizeibeamten ist.

Inzwischen habe ich auch das Hakenkreuz bei Bürgeln der Polizei angezeigt,
hoffe jedoch nicht, dass meine Anzeige korrekt bearbeitet wird. Es wird ge-
nauso schlecht ermittelt werden wie bei den Friedhofsschändungen in Neustadt
und Kirchhain oder beim Nazi-Geschrei in Amöneburg.

Bitte sorgen Sie wenigstens dafür, dass das Hakenkreuz bei Bürgeln endlich
entfernt wird.


Mit freundlichen Grüßen