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Ansteckende Schleef-Krankheit

Am 4.2.2003 beobachtete ich von 8 Uhr 30 bis 12 einen dieser unerträglich blöden Prozesse gegen Dr. Peter Niehenke. Es ging es nicht mehr darum, ob und wo FKK erlaubt ist. Streitig waren nur noch Tricks, mit denen die Stadt Freiburg bei Dr.Niehenke kassieren will.

Die Stadt hat mit Häusern und Menschen wenig zu tun. Die Stadt ist eine Behörde, die Gebühren einzieht. Damit man die Tricks der Stadt verstehen kann, muss man ihre langjährige Fehde gegen den Nacktläufer geschichtlich erforschen.

Anfangs rannte Dr.Niehenke nur mit Turnschuhen bekleidet durch Freiburg. Das wurde ihm als grob sittenwidrig verboten. Die Sittenwidrigkeit bestehe darin, dass sein Geschlechtsteil sichtbar sei. Als ihm ein Zwangsgeld von gut 2000 Euro angedroht und die Androhung rechtskräftig wurde, verhüllte Dr.Niehenke das sittenwidrige Teil mal mit einer Damensocke, mal mit einem kleinen roten Beutel, mal mit der Mütze eines Weihnachtsmannes und er rannte weiter.

Auf einmal wurde ihm auch das verboten. Amtsrichter Schleef urteilte, Dr.Niehenke handle schon dann grob sittenwidrig, wenn er seinen Popo offenbare. Auch das Gesäß sei ein Geschlechtsmerkmal. Nur Genies können Schleefs Auffassung vom Gesäß würdigen. Sie ist anatomisch und sexuell revolutionär. Endlich wissen wir, dass die Liebhaber schmalhüftiger Frauen sämtlich schwul sind.

Aus dem Schleefschen Urteil wollte die Stadt eine Goldgrube machen. Die Stadt stellte Dr.Niehenke nachwirkend alle diejenigen Läufe in Rechnung, bei welchen er zwar Penis und Scrotum bedeckt gehalten hatte, aber von seinem sittenwidrigen Gesäß noch nichts ahnte. Gegen die Gebühren-Bescheide legte Dr.Niehenke Einsprüche ein, was die Gerichtsverhandlung am 4.2.2003 induzierte.

Hier das Ergebnis der dreieinhalbstündigen Verhandlung: Dr.Niehenke durfte sein Gesäß bis zum Schleefschen Urteil für sittsam halten. Einzelne Polizisten und der Polizeisprecher Freiburgs hatten ihn wissen lassen, dass sie gegen sein Hinterteil nichts einzuwenden haben. Die Stadt selbst hatte eine angeforderte Auskunft über die Anständigkeit eines Popos verweigert, bevor sie die umstrittenen Bescheide verschickte.

Eine Verurteilung Dr.Niehenkes wäre eine offenbare Ungerechtigkeit. Richter Leipold wollte das Verfahren einstellen. Das hätte ihm Urteil, Urteilsbegründung und Konflikte mit anderen Behörden erspart. Doch die Stadt war damit nicht einverstanden. Am 12.2.2003 soll ab 8 Uhr 30 die Verhandlung fortgesetzt werden. Nochmals viele Stunden Schwachsinn.


Indessen kam während der Verhandlung manches lehrreiche Detail zum Vorschein.

1) Aller Bewunderung wert sind die Ermittlungsmethoden der Polizei. Dr.Niehenke besuchte mit Freunden einen Weihnachtsmarkt. Sie bekundeten ihre Sittsamkeit, indem sie über Penis und Scrotum (Richter Leipold sagte immer Hodensack) Weihnachtsmann-Mützen gezogen hatten. Anonyme Anrufer mobilisierten die Polizei. Als sie erschien, legte Dr.Niehenke schamhaft seine linke Hand über den Verzweigungspunkt seiner Beine. Die Beamten konnten nicht kontrollieren, ob er korrekt bekleidet war. Sie riefen ihren Polizeiführer an, wie die Untersuchungen durchzusetzen seien. Dr.Niehenke rief seinen Rechtsanwalt an. Nach längeren juristischen Abwägungen hob Dr.Niehenke seine Hand und ließ seine Kleidung sehen. Dies wiederum generierte Anrufe der Polizisten vor Ort beim Polizeiführer im Revier. Schließlich durfte Dr.Niehenke gehen. Doch wurde er gebeten, die religiösen Gefühle der Besucher des Weihnachtsmarkts nicht zu verletzen. Als geschädigte Gottheiten kommen Mammon und Bacchus in Frage.

Um beim nächsten Vorkommnis die Ermittlungen zu beschleunigen, versteckten sich die Beamten hinter Pfeilern. Sie sprangen erst hervor, als Dr.Niehenke sich näherte. Er wollte noch seine linke Hand über die Leistengegend legen. Doch es war zu spät. Die Beamten riefen: "Dr.Niehenke, wir haben die Damensocke bereits ermittelt. Es liegt kein erkennbarer Verstoß vor. Sie dürfen weiterjoggen."

2) Gewichtigste Belastungszeugin gegen Dr.Niehenke ist eine Lehrerin, die im Kreuzverhör ihre geheimsten Wünsche offenbart. Als sie eine Frage nicht beantworten will, erwidert sie: "Ich frage ja auch nicht, wie er [Dr.Niehenke] die Socke befestigt, obwohl es mich eigentlich sehr interessiert." Hier entspinnt sich eine zarte Herzensangelegenheit. Die Lehrerin ist ungefähr so alt wie Dr.Niehenke.

3) Der Prozessbevollmächtigte der Stadt, ein Herr Grisa, bezeichnet die Vorgänge als "Kaschperle-Theater". Grisa hat die Wahrheit erkannt. Warum aber fördert er Kunst nicht?

4) Alle Zeugen, manche ungewollt, bestätigen, dass Dr.Niehenke niemanden belästigt. Den Anzeigeerstattern lief er immer zu rasch um feststellen können, wie er zwischen den Beinen gekleidet war. Wenn er nicht angesprochen wird, läuft er um die Leute herum.

Umgekehrt ist das anders. Seltsame Zeitgenossen pöbeln Dr.Niehenke an oder schlagen ihn sogar. Wenn er sich wehrt, soll er "vergast" werden. Warum werden nicht einmal Leute, deren Gewalttätigkeit dokumentiert wurde, strafrechtlich verfolgt?

5) Am verblüffensten ist der gewaltige Aufruhr, den Dr.Niehenke mit seinem Kaschperle-Theater hervorgerufen hat. Es ist ihm gelungen, ein riesiges Problem, das auch ohne ihn da wäre, offenkundig zu machen: Was ist Moral?

Unmoralisch handelt, wer ohne Not Schäden anrichtet. Jagd aus Spaß ist unmoralisch. Stierkampf ist unmoralisch. Boxen ist unmoralisch. Karate aber nicht, weil Karate-Sportler jeden Stoß abbrechen müssen, bevor sie ihren Partner beschädigen. Der Anblick eines nackten Menschen ist genauso wenig unmoralisch wie die Anwesenheit von Behinderten oder einer alten, schäbigen Katze.

Ulrich Brosa 10.2.2003

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